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Schreiben mit Anlauttabelle

 
28. Juni 2012
Schreiben mit Anlauttabelle
Kategorie: Schriftkultur
   
 

Lesen durch Schreiben

 
 Während Kinder früher anhand einer Fibel Buchstabe für Buchstabe des Alphabets gelernt haben, benutzen viele heutzutage so genannte Anlauttabellen. Grundschüler in der ganzen Bundesrepublik lernen mittlerweile vermehrt nach der Methode »Lesen durch Schreiben«.
Nicht nur viele Eltern haben mit dem neuen Lernansatz Probleme. Auch unter Pädagogen ist die Methode umstritten. Eine Berliner Professorin für Grundschuldidaktik würde das Lernen nach »Anlauttabellen« lieber heute als morgen verbieten.  

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Kommentare zu diesem Beitrag:
von Mutter (28. Juni 2012, 10:44):
Ich bin zwiegespalten und sehe auch Gefahren der Methode "Lesen durch Schreiben".
Andererseits erinnere ich mich an meine Tochter, die als Fünfjährige die Buchstaben wissen wollte, weil die Schwester sich mit ihnen als Erstklässlerin beschäftigen musste. Als sie sie alle kannte, schrieb sie begeistert Märchen mit einer Rechtschreibung, wie sie durch die Anlauttabelle entsteht. (z.B. "Könich", "Prins", "Golt")
Sie wurde trotzdem eine gute Leserin und Rechtschreiberin.
 
von Karin Pfeiffer (28. Juni 2012, 11:40):
Liebe "Mutter",
wie gestaltete sich das Lernen im ersten Schuljahr?
Soweit ich weiß, beginnen viele wißbegierige Kinder auf diese Weise zu "schreiben". Es ist ein großer Unterschied, ob dies aus eigenem Antrieb zu Hause geschieht, oder unter der Autorität eines Lehrers an der Schule. In dem Augenblick bekommen nämlich die Kritzeleien eine Art öffentlichen Charakter, sind also "richtig". Das ist fatal.
Das Sprachfenster eines Kindes schließt sich zwischen dem fünften und achten Lebensjahr, habe ich gelesen (leider die Quelle vergessen) - die Grundschulzeit ist also die prägsamste. Wenn dort das Schreiben nicht von Anfang an in normgerechter Orthographie angeboten wird, dann könnte dies für einige Kinder schwerwiegende Folgen haben. Sagt nicht ein Sprichwort: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!" ? Volksweisheiten sind nichts, worüber man die Nase rümpfen müßte. Sie sind sozusagen die eingedampfte Weisheit aus praktischer Erfahrung unzähliger Generationen.
Der Streit ist müßig. Schauen wir doch nur die Ergebnisse an - nicht der Einzelfall zählt (der positive wie der negative), sondern die wachsende Zahl derer, die heute nicht mehr normgerecht zu schreiben vermögen. Dümmer sind die Menschen gewiß nicht geworden. Also liegt es an unzweckmäßigen Methoden.
 
von Ursula Prasuhn (29. Juni 2012, 12:31):
Ich teile diese Meinung. Die Anlauttabelle und mit ihr das freie Schreiben sind für die Rechtschreibung Gift. Erst muss den Kindern ein Grundstock an Wortbildern zur Verfügung stehen, bevor sie in der Schule kleine eigene Werke zu Papier bringen.
Eine maßlose Verachtung der Normen in Schreiben und Handschrift hat zu der Unsitte von "Kritzeleien" geführt, in die dann völlig übertriebene geistige Wertschöpfungen hineininterpretiert wurden. Sie überdeckten nicht nur den Verfall des korrekten Schreibens, sondern rechtfertigten ihn durch schwammige „höhere“ Ziele.
Hier sehen wir eine weitere Folge jener Pädagogik, die vor Jahrzehnten beschloss, die Arbeitshaltung der Schüler zu revolutionieren, indem sie diese in neue wichtige und alte unwichtige Tugenden einteilte. Neu und wichtig wurden vage Vorstellungen von "selbstbestimmt" - "schöpferisch" oder "sozial". Alt und unwichtig wurden Eigenschaften wie wie fleißig, pünktlich oder sorgfältig.
Wohin uns das geführt hat, dürfte inzwischen klar sein – nicht nur durch Pisa und weitere Untersuchungen. Die Pädagogik scheint aber ihre eigenen Gesetze zu haben. Anstatt umzukehren, wie es logisch wäre, verstärkt sie ihre Anstrengungen in die eingeschlagene Richtung, so als gäbe es ein Gesetz, das besagt: Minus plus Minus = Plus. In Wahrheit heißt es aber: Minus mal Minus = Plus.
 
von P. Konrad (13. Juli 2012, 00:05):
Diese Methode hat aus meiner Sicht zu schweren Rechtschreibproblemen bei meinem Kind geführt. Nur ein Wechsel der Grundschule Mitte der dritten Klasse konnte noch Schlimmeres verhindern. Die erste Lehrerin war eine glühende Anhängerin der reinen Lehre des Herrn Reichen. Als ab Klasse 3 immer mehr Schüler Probleme bekamen, hatte die Lehrerin halt das Pech, besonders viele Legastheniker in ihrer Klasse zu haben. Dem Rektor war´s egal - er leitete eine Grund- und Hauptschule, hatte immer nur an Hauptschulen unterrichtet und nach eigener Aussage keine Ahnung von Grundschuldidaktik, er würde den Lehrern nicht reinreden - also gab es drei Klassen, die nach drei verschiedenen Methoden unterrichtet wurden.
Die beiden mit unterschiedlichen Fibeln unterrichteten Parallelklassen hatten jedenfalls in Deutsch bei VERA die Nase beim Gesamtergebnis vorn. Nur wenige sehr auffallend gute Ergebnisse aus der Klasse meines Kindes wurden aber als Beleg herangezogen, diese Methode dann an der Schule verpflichtend einzuführen - diese guten Ergebnisse wurden alle von Kindern erzielt, deren etwas älteren Geschwister mit einer Fibel gelernt hatten und die sich von den Müttern damit anleiten ließen. Mit meinem Kind konnte ich nicht wirklich die Versäumnisse der Schule aufarbeiten,weil das Kind leider so schlau war, meine und auch die Geduld meines Mannes so lange zu erschöpfen mit Aussagen wie: "Ich bin eben zu dumm", bis das Übenwollen immer nur im Streit endete. Englische Schreibung lernt das Kind übrigens durch bloßes Ansehen der Vokabeln und die Schreibung sitzt zu 98 -99%. Für eine Legastheniediagnose ist aber auch die deutsche Rechtschreibung noch nicht schlecht genug - also kein Nachteilsausgleich und somit schlechtestes Fach - Deutsch. Die gymnasiale "4" ist aus meiner Sicht noch geschmeichelt - die eigentlich erforderliche Nachhilfe wegen der dummen Methode zahlt uns niemand - die weiterführenden Schulen sehen sich auch nicht in der Pflicht, Versäumnisse der Grundschule aufzufangen, was man ihnen wohl auch nicht verdenken kann. Leidtragend bleibt das Kind!
 
von Nachdenklicher Leser (14. Juli 2012, 15:28):
Bloß keinen Persilschein "Legasthenie"! Die momentanen Erleichterungen des Notenausgleichs sind langfristig eine schwere Hypothek! Lieber geduldig üben. Es wird zwar mit zunehmendem Alter schwieriger, aber ein Dazulernen ist immer möglich.
Ärgerlich für die Betroffenen, aber was soll man sonst tun?
 
von Lehrerin i. R. (14. Juli 2012, 17:59):
An "Nachdenklicher Leser"
Sie haben absolut Recht. Die Diagnose "Legasthenie" sollten Eltern nicht suchen, sondern zu verhindern suchen.
Der Begriff beinhaltet so etwas wie eine Krankheit oder ein Gebrechen, was sowohl meist nicht stimmt als auch die Kinder entmutigt, denn er macht sie glauben, sie seien auf dem Gebiet des Lesens und Schreibens von Natur aus "minderbemittelt". Dabei liegt der Grund für Lese- und Rechtschreibschwächen überwiegend an falschen Lernmethoden und nicht an der Beschaffenheit der Kinder. Die meisten dürfen sich getrost sagen: Ich bin völlig normal, aber der Unterricht war schlecht, darum muss ich jetzt leider mehr üben als andere Kinder, die mehr Glück hatten.
 
von Nachdenklicher Leser (14. Juli 2012, 18:11):
Lehrerin i. R.
Danke für diesen Tipp! Man muss auch immer an übermorgen denken, nicht nur an morgen. Und was für heute gut ist, kann sich morgen als schlecht herausstellen.
Den Eltern sei ans Herz gelegt: Wenn in der Schule mit der Anlauttabelle gelernt wird, dann müssen sie frühzeitig mit ihren Kindern zu Hause nachholen, was die Schule versäumt. Und das wider den Rat der LehrerIn. Leider muss das so sein. Für die Kinder ist das ja zwiespältig, weil sie dann zwischen den Stühlen sitzen. Man sollte ja dem Lehrer den Rücken sterken, nicht umgekehrt. Aber mit dem Schreibenlernen, das ist schon so ein Dilemma.
 
von Nachdenklicher Leser (14. Juli 2012, 18:12):
Oh - Rücken "stärken" heißt das. Entschuldigung.
 



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