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Der pädagogischen Weisheit letzter Schluss

 
17. Oktober 2011
Der pädagogischen Weisheit letzter Schluss
Kategorien: Schriftkultur | Besser lernen

»Diktate sind nicht dienlich, um Rechtschreibung zu erwerben.«
»Diktate setzen Schüler unnötig unter Streß«
»Diktate dienen der Selektion.«

Diese Weisheiten sind vor Jahren von hochbezahlten Wissenschaftlern in jahrelanger Forschungsarbeit erarbeitet und der anfangs überraschten Lehrerschaft präsentiert worden. Aber nicht nur das. Dem Kind müsse außerdem Gelegenheit gegeben werden, die Schrift selbst zu entdecken und auszuprobieren, wie diese wohl funktioniere. Je weniger ein Schüler beim Schreibenlernen gegängelt werde, desto besser beherrsche er später die Schriftsprache.

Weil elfenbeintürmelnde Wissenschaft im Vergleich zum profanen Erfahrungswissen besser abschneidet, haben sich die Praktiker beschämt gezeigt und sich alsbald bereiterklärt, das »Freie Schreiben« ohne Diktatstress im Unterricht zu praktizieren. In der Schule sind seither herrliche Zeiten angebrochen! Und es klappt doch wie am Schnürchen, oder was! Ist es daher nicht an der Zeit, die wertvollen Erkenntnisse auch auf andere Gesellschaftsbereiche zu übertragen?

Wie lange müssen wir eigentlich noch warten, bis Fachpsychologen für Verkehrspädagogik anhand langjähriger Studien nachweisen können, dass die herkömmliche Fahrprüfung nicht dienlich sei für die Ausbildung der Fähigkeit, ein Fahrzeug zu lenken? Dass eine solche Prüfung allenfalls die Stressresistenz der »ProbandInnen« teste? Und überhaupt: ein Fahrschüler müsse Gelegenheit bekommen, das Autofahren und den Verkehr selbständig zu entdecken! Je weniger der Fahrlehrer eingreift, desto schneller gehe es voran!

Fort mit der Gängelung durch den Fahrlehrer! Schluss mit der Fahrprüfung, denn diese diene nur der Selektion, also dem Zweck, die Untauglichen gleichsam an der Rampe von den Fahrtüchtigen abzusondern. Ein Skandal! Die menschenverachtende Praxis müsse sofort eingestellt werden. Fahrtüchtigkeitsnachweisprüfungen seien veraltet und daher abzulehnen. Als Prüfungsalternative empfehle man, den Führerscheinanwärter auf einem großen Platz im Fahrzeug seiner eigenen Wahl drei Runden drehen zu lassen, wovon die beste und schönste Runde gewertet werde.

Auch das Abmalen von Verkehrsschildern sei eine zeitgemäße Methode, um die allgemeine Verkehrstauglichkeit des künftigen Autofahrers festzustellen. Die weitere Befragung des Prüflings habe sich auf ein lockeres Gespräch über Autotypen zu beschränken; schließlich sei die Frage des Autokaufs für einen angehenden Autofahrer von allergrößter Bedeutung, viel wichtiger als technische Details oder die nutzlose Kenntnis von Verkehrsregeln.

Verena Katerle

 
 

 



Kommentare zu diesem Beitrag:
von U. P. (18. Oktober 2011, 23:07):
Trotz des ernsten Hintergrunds, habe ich mich köstlich amüsiert über die visionäre Beschreibung einer künftigen Verkehrspädagogik.
Frau Katerle führt Fehlentwicklungen an den Schulen auf eine "elfenbeintürmelnde Pädagogik" zurück. Damit hat sie meiner Meinung nach nur teilweise recht, denn mich stört etwas an dem Begriff "elfenbeintürmelnde Pädagogik".
Mir waren Leute, die im Elfenbeinturm leben, immer sympathisch. Sie sind zwar naiv und lebensfremd, leben auch ziemlich isoliert und hängen Träumen nach, sind aber harmlos und wohlwollend.
Die "moderne" pädagogische Wissenschaft ist für mich aber nicht harmlos, keineswegs isoliert, und ob sie es gut meint, wage ich zu bezweifeln.
Mir scheint sie eng verquickt mit politischen und anderen lobbyistischen Interessen, die gern und reichlich für "wissenschaftliche" Gefälligkeitsgutachten zahlen. Also lebt die pädagogische Wissenschaft heute sehr wohl und sehr gut in der gelddominierten Realität.
Bestechlichkeit ist der Begriff für das, was ich meine, und der passt nicht zum Bild einer Wissenschaft, die redlich ist und "nur" naiv im Elfenbeinturm lebt.
Trotzdem finde ich Frau Katerles Zeilen prima. Die wahrscheinlich wichtigste Botschaft kommt an.
 
von Justus S. (19. Oktober 2011, 13:45):
Wird deshalb in den Medien von allen möglichen, scheinbar seriösen Leuten gebetsmühlenartig immer mehr Geld für die Bildung gefordert? Das wäre unfassbar. Dann würden immer mehr Milliarden in ein Fass ohne Boden gesteckt, und was noch schlimmer ist, diese Steuergelder flössen nicht für, sondern gegen eine bessere Bildung.
Kann das wirklich sein, Herr oder Frau U.P.? Da plagen mich doch arge Zweifel, obwohl Ihr Kommentar eine durchaus logische Erklärung wäre für das nicht enden wollende Bildungsdrama.


 
von Ursula P. (19. Oktober 2011, 20:24):
Ihre Zweifel, Herr S., kann ich gut verstehen. Meine Worte hören sich wirklich an wie eine wilde Verschwörungstheorie.
Zu meiner Überzeugung bin ich ganz wesesentlich durch meine jahrzehntelange Tätigkeit als Lehrerin gelangt, wobei mich die immer eiligeren Reformen und Methodenwechsel zunehmend ratlos machten. Ich konnte nicht verstehen, warum dauernd Änderungen vorgenommen wurden, bei denen mir schon im Vorfeld klar war, daß die Lehr- und Lernsituation dadurch nicht - wie versprochen - besser würde, sondern eher schlechter.
Meine Befürchtungen trafen fast immer zu, was der Pisa-Test bestätigt oder auch die rasante Zunahme von Lernstörungen wie die Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) oder auch die Rechenschwäche (Dyskalkulie).
Nun könnte man - wie auch geschehen - die "faulen Säcke" für den schulischen Niedergang verantwortlich machen oder auch die faulen Eltern.
Leider haben sich Lehrer und Eltern in ihrer Ratlosigkeit tatsächlich viel zu lange gegenseitig den schwarzen Peter zugeschoben. Auch bei mir hat es viel zu lange gedauert, bis endlich der Groschen fiel. Wenn ich denn schon so oft im Vorfeld wußte, wozu das positiv besetzte Wort "Reform" wieder führen würde, hätte mir viel schneller klar sein müssen, wo wirklich der schwarze Peter saß.
Für mich ist die korrupte Verbindung von Politik und einflußreichen Teilen der pseudowissenschaftlichen Pädagogik ganz wesentlich verantwortlich für die zunehmenden Lernschwierigkeiten. Auch die mächtige Gewerkschaft GEW spielt meiner Meinung nach eine unrühmliche Rolle.
Einer schiebt dem anderen Vorteile zu: Der Politiker braucht Schulprobleme, um sich mit der Einleitung von Reformen hervortun zu können, der käufliche Wissenschaftler sorgt nur dem Schein nach für Problemlösungen, damit sich das Spiel wiederholt und er weitere Aufträge erhält, und die GEW in ihrer Gutmenschenrolle profitiert sowieso von den Problemen aller Beteiligten.
Nach diesen vielen Worten kann ich nur hoffen, Herr S., daß Sie meinen Standpunkt etwas besser verstehen können.




 
von R. Hoffmann (20. Oktober 2011, 18:47):
Als Berufskollegin kann ich die Erfahrungen von Ursula P. mit idiotischen "Reformen" nur bestätigen. In unserem Kollegium gucken wir uns jedes Mal nur kopfschüttelnd an und sprechen von "Schildbürgerstreichen", weil "die da oben" ja keine Ahnung von der Praxis haben.
Wenn Ursula P. auch Recht hat mit der Deutung des Geschehens, dann kann ich nur sagen: Was sind wir doch immer naiv gewesen! Dann läuft das Ganze ja nach einem perfiden System ab.
Einerseits kann ich das noch immer nicht glauben, andererseits sage ich mir aber auch bei meinen Überlegungen, dass die freie Wirtschaft mit Pauken und Trompeten pleite ginge, wenn sich das Management dort solche Schildbürgerstreiche erlaubte. Es muss also gehen mit dem richtigen Lenken, auch wenn die oberen Chargen wenig vertraut sind mit dem Tagesgeschäft der unteren Ränge.




 
von G. Möller (22. Oktober 2011, 18:02):
Das ist doch alles Schwachsinn. Wäre die Sache so wie beschrieben ( egal ob Schilbürger- oder Schurkenstreiche), hätte es längst Proteste gegeben. Ausserdem: Wer wählt denn die böse, "mächtige" Gewerkschaft GEW? Sind das nicht die Lehrer?

 
von I. Sch. (26. Oktober 2011, 23:34):
Ja, sie sind es im wesentlichen. Aber sie sind eben auch ganz schön naiv und wohnen selbst weitgehend hinterm Mond, was ihre Verhaltensweise der Obrigkeit gegenüber anbetrifft.
 

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