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Vereinfachte Ausgangsschrift

 
14. Mai 2009
Vereinfachte Ausgangsschrift
Kategorie: Besser lernen
Anfrage einer Lehrerin:

Betreff:
Vereinfachte Ausgangsschrift

Anfrage:
In unserer Schule haben wir bis jetzt mit guten Erfolgen die Lateinische Ausgangsschrift gelehrt. Nun sind einige junge Kollegen unbedingt für die Vereinfachte Ausgangsschrift. Ich habe bis jetzt keine überzeugenden Argumente dafür gelesen oder gehört. Vieles, was man ihr nachsagte, hat sich nicht bewahrheitet. Hauptargumente sind bei den jungen Kollegen:

1. Es geht schneller, weil viel leichter.

2. Bei Silbenschreiben kann man synchron schreiben, weil die Haltepunkte immer an der gleichen Stelle sind.

Ich will aber gerade dieses »geht leichter« nicht akzeptieren, weil bei mir die Kinder gerade an den wechselnden Schreibrichtungen Spaß haben, ihre Feinmotorik schulen und sich die Wörter gerade wegen der erhöhten Aufmerksamkeit auf den Richtungswechsel gut einprägen. Synchron zum Silbensprechen zu schreiben, war dabei meiner Meinung nach trotz der wechselnden Haltepunkte kein Problem. Und wann legt man noch einmal so viel Wert auf das gute Schreiben? Die Zeit nehmen wir uns doch nie wieder. Ich bin fast 60 Jahre alt und habe mit Begeisterung in meiner Grundschulzeit 2 Stunden »Schönschreiben« in der Woche genossen. Haben Sie noch gute Argumente für die Lateinische Ausgangsschrift, die ich in der kommenden Konferenz anführen kann? Ich will nicht unbedingt einsehen, dass etwas Bewährtes abgelöst wird durch etwas, dessen Argumente nicht standhalten. Viele Kinder, die ich aus anderen Schulen übernehme, die VA schreiben, haben ein breites unschönes Schriftbild, das sich nicht mehr korrigieren lässt. Andere schreiben nahezu Druckbuchstaben.

Vielen Dank für Ihre Argumente im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

N. W.

Antwort:

Sehr geehrte Frau W.,

nun finde ich etwas Zeit, um Ihnen zu antworten. Zunächst: ich freue mich, daß Sie sich vertrauensvoll an mich wenden und bedanke mich!
Das Hauptproblem der VA wurde von Ihnen erkannt. Sie benennen auch dessen Schwachstellen. Jungen Lehrkräfte mangelt es an Erfahrung (woher sollte die auch stammen!) und werden leicht Opfer des Zeitgeistes – eigenes Nachdenken findet mangels Zeit, Interesse oder Zivilcourage selten statt. Das möchte ich nicht als Vorwurf verstanden wissen. Alles Neue ist dem Pioniergeist junger Leute zu verdanken. Was halt schade ist: wenn Bewährtes gegen Schlechteres ausgetauscht wird und alte Fehler immer aufs neue gemacht werden. Wer praktische Erfahrungen in die Waagschale wirft, macht sich wenig beliebt. Gegen die Lockrufe des Neuen und angeblich Besseren kommt argumentativ niemand an. Jede Generation will ihre eigenen Fehler selbst machen und dann sortieren, was sie behalten will. 

Dies schicke ich voraus, weil ich Ihnen Mut zusprechen möchte. Sie werden vermutlich überstimmt werden. Falls man an Ihrer Schule liberal ist, wird es möglich sein, weiter mit der Lateinischen Ausgangsschrift zu arbeiten. So gut wie alle Lehrer und Eltern, die ihre Erfahrungen mit der VA bereits gemacht haben, empfinden das Schriftbild häßlich und sind wenig glücklich damit. Dennoch will kaum jemand »zurück«. Das Wort »zurück« scheint unanständig zu klingen und verursacht geradezu eine Gänsehaut! Fortschrittlichkeit ist, wenn der Wanderer Schmerzen empfindet, weil er schick gestylte Schuhe erworben hat, die zu eng sind. Diese aber wegzuwerfen und wieder in seine alten, bequemen Latschen zu schlüpfen, wäre wohl eine Sünde wider den Geist der Höherentwicklung!

Was sie über den Richtungswechsel bei der LA schreiben, ist auch von anderen Praktikern erkannt worden: Erst der Richtungswechsel bringt den Fluß des Schreibens in Gang. Der Vorgang des Schreibens ist begünstigt die Entwicklung des formalen Denkens und der abstrakten Intelligenz, welche die Grundlagen des Schulerfolgs bilden. Alles Lernen ist eng mit Bewegung verbunden – seien es nun Makro- oder Mikrobewegungen. Mit Bestürzung beobachte ich, wie sämtliche Grundlagen und Fundamente des Lernens vernachlässigt und oft aus dem Nichtwissen heraus sogar lächerlich gemacht werden. Ist dann der Schaden nicht mehr zu verleugnen, werden Wissenschaftler und Gutachter beauftragt, zu untersuchen und zu erklären, weshalb es mit dem Schreiben bei unseren Schülern nicht mehr so richtig klappen will. Unseren Kindern aber hilft dies nicht weiter. 

Vor einiger Zeit habe ich eine kleine Abhandlung zum Thema VA formuliert, die man hier einsehen und herunterladen kann. Die Umstände, unter denen die Retortenschrift den Schulen schmackhaft gemacht wurde, sind jenen ähnlich, unter denen man den Schulen eine Reformorthographie verordnet hat: es sollte das richtige Schreiben erleichtern. In diesem wie in jenem Fall  verbergen sich hinter einer mühsam aufgerichteten Fassade der Wissenschaftlichkeit banale ökonomische Interessen. Es ist aber nun einmal so, ist immer so gewesen: Alles Erfahrungswissen von Generationen kann einen modern anmutenden Unsinn, einmal in Gang gesetzt, nicht stoppen, zumal, wenn er »demokratisch« und »fortschrittlich« ins Werk gesetzt ist. Zur Lektüre empfehle ich außerdem das folgende Werk, da es fundierte Argumente enthält:

Wilhelm Topsch: Das Ende einer Legende.
Die Vereinfachte
Ausgangsschrift auf dem Prüfstand. Analyse empirischer Arbeiten zur Vereinfachten Ausgangsschrift.
Auer Verlag, Donauwörth 1996
 

Nun bleibt mir noch, Ihnen viel Kraft, Gelassenheit und innere Heiterkeit zu wünschen, denn Sie werden bei den Befürwortern der pädagogischen »Erleichterung« wenig Freude auslösen, wenn Sie mit handfesten Argumenten gegen die vermeintlich »kinderfreundliche« VA vorgehen. Ich selbst bin Kummer aus solcher Ecke gewöhnt und kann inzwischen – auch ich bin 60 Jahre alt – damit ganz gut leben. Vielleicht lassen Sie mich gelegentlich wissen, wie es an Ihrer Schule mit dem Schreiben weitergeht! Ich hoffe, gut – das wünscht Ihnen von Herzen

Karin Pfeiffer

 


Kommentare zu diesem Beitrag:
von B.-L. S. (13. September 2011, 10:09):
Sehr geehrte Frau Pfeiffer!

Mit großem Interesse habe auch ich Ihre Beiträge zu der VA gelesen. Ich selbst bin Realschullehrerin und wurde zunächst durch meine Schüler mit der VA konfrontiert. Als junge Lehrerin fiel mir zunächst nur auf, dass einige Kinder anders schreiben, als ich es gelernt (und mir für meinen Unterricht wieder angeeignet hatte) hatte; ich fand die Schrift "unansehnlich und schwer lesbar"; die Art und Weise, wie manche Schüler, vor allem Jungen, die Buchstaben schrieben fand ich kurios (an erster Stelle nenne ich hier das "e", das viele eben nicht neu ansetzten, sondern von oben her schrieben, so dass der Buchstabe im Wort aussieht wie ein großes "R"; die Reihe der entarteten Buchstaben könnte ich endlos fortsetzten, aber jeder, der sich mit der Schrift befasst, weiß sicher, wovon ich spreche). Im Laufe meiner Lehrtätigkeit habe ich unzähligen Schülern gezeigt, wie man die Buchstaben anders und somit lesbarer gestalten kann. Die Lesbarkeit war eigentlich mein einziges Kriterium damals.
Jetzt bin ich Mutter von zwei Kindern und mein erster Sohn geht nun in die zweite Klasse. Ich werde (leider) zum zweiten Mal mit der VA konfrontiert. Um meinem Sohn zu helfen, wollte ich die Schrift "verstehen" und im Rahmen meiner Nachforschungen kann ich mich nur der hier vertretenen Meinung anschließen, es geht um mehr als nur um eine "hässliche" Schrift: auch bei meinem Sohn zeichneten sich bereits in der zweiten Schulwoche genau die Probleme ab, die ich als Lehrerin bei meinen Schülern festgestellt habe. Gerne würde ich einmal mit der Lehrerin über meine Beobachtungen sprechen.
Jetzt stellt sich mir folgende Frage, auf die ich keine Antwort finde:
Könnten die Schwierigkeiten der Schüler, bzw. die Unleserlichkeit der Schrift auch darauf beruhen, dass einfach zu wenig geübt wird? Wenn die Lehrerinnen Arbeitsblätter in VA herausgeben, ist die Schrift ja leserlich, wobei es bei uns so ist, dass die VA von den Lehrerinnen wesentlich runder geschrieben wird als in gedruckten Materialien, die Kinder die Rundungen aber selbst nicht nachschreiben können und ihre Schrift zackiger wird. Zu Hause stelle ich fest, dass diese einmal "zackig" im Unterricht geschriebenen Buchstaben nur mit viel Mühe zu korrigieren sind.
Mit welchem Argument kann man wirklich den Zusammenhang herstellen, zwischen einer unleserlichen Handschrift und der VA an sich.
Falls ich an unserer Schule Gehör finde, möchte ich ungern in der Art falsch verstanden werden, dass es mir nur um die Einführung von "Schönschreibunterricht" geht oder ich die VA einfach aus "geschmacklichen" Gründen oder aufgrund des ungewohnten Schriftbildes ablehne.
Ist aus Ihrer Sicht die SAS eine Alternative?

Vielen Dank für Ihre Mühe im Voraus!

Mit freundlichen Grüßen

B.-L. S.














 
von Karin Pfeiffer-Stolz (14. September 2011, 13:19):
Sehr geehrte Frau S.,
gerade bereite ich eine umfangreiche Antwort vor, die ich unter aktuellem Datum in den Blog einfügen werde. Danke sehr für Ihren wertvollen Beitrag mit Gedanken aus der Praxis!
 

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