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Lesen üben und Legasthenie-Tests

 
23. November 2008
Lesen üben und Legasthenie-Tests
Kategorie: Besser lernen
Anfrage einer Mutter:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Sohn geht in die dritte Klasse Volksschule. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir mit einem Rat bezüglich zweier Fragen weiterhelfen könnten.

Erstens: welche Hefte oder Bücher für die 3. Klasse geeignet sind, um sog. Leseproben zu trainieren? Eine Leseprobe besteht aus einem etwa zweiseitigen Text mit anschließenden Verständnisfragen.

Zweitens: Wie kann ich feststellen, ob mein Kind eine Lese-Rechtschreibschwäche hat? Vielen Dank für Ihre Antwort und Hilfe!

Mit freundlichen Grüßen

Annette B.


foto: pixelio
Antwort:

Sehr geehrte Frau B.,

Zu Frage 1:
Sinnerfassendes Lesen üben
Um das Lesen zu üben, eignen sich alle möglichen Arten von Lesetexten. Sie sollen altersgemäß sein, interessant, humorvoll — und nicht zu lang. An diesen Texten kann das Kind das sinnerfassende Lesen üben. Gehen Sie wie folgt vor:

• Das Kind mehrmals lesen lassen, im Wechsel laut und still. Auf deutliche Aussprache achten!

• Verständnisfragen zu Inhalt und Absicht des Textes stellen. Auf diese Fragen soll das Kind in stilistisch und grammatisch vollständigen Sätzen antworten.

• Den Inhalt nacherzählen lassen, möglichst knapp und möglichst gut formuliert. Hilfe nur spärlich, und Korrektur mit behutsamer Freundlichkeit anbieten.

Solche und ähnliche Übungen sollen regelmäßig durchgeführt werden, und zwar über einen längeren Zeitraum hinweg. Man kann auf diese Weise zum Beispiel eine Lektüre »durcharbeiten«, wobei der spielerische Charakter nicht in sauertöpfisches Pauken übergehen darf. Die Kunst des Lesens soll ja erfreuen und nicht als Ärgernis gemieden werden.

Dies ist dabei besonders wichtig: Erfolg darf man nicht von heute auf morgen erwarten. Lesenlernen ist ein Vorgang, der durch hartnäckiges Üben zwar beschleunigt werden kann, bei dem jedoch besonders der Reifungsprozeß eine erhebliche Rolle spielt. Reifen braucht seine Zeit, das lehrt uns die Natur. Das kann man nicht oft genug betonen: Nachhilfe beim Lernen funktioniert nicht wie die einmalige Gabe einer Pille, die, heute eingenommen, morgen gleich ihre Wirkung entfalten kann. Lernen ist mehr eine Art homöopathische Rezeptur: das Medikament wirkt auf lange Sicht durch geistige und körperliche Neuorientierung. Wer beim Lernen Erfolg haben will, muß sehr geduldig mit sich selbst und anderen sein.

Zu Frage 2:
Feststellen, ob das Kind eine Lese-Rechtschreibschwäche hat
Hier möchte ich etwas ausholen. Wenn ein Kind altersgemäße Texte nur stotternd liest und ihm beim Schreiben ungewöhnlich viele Fehler unterlaufen, zeigt sich darin ein alarmierendes Lerndefizit. Diesem Kind kann man, ja muß man beistehen! Ist ihm jedoch damit geholfen, wenn es auf irgendwelche angeblich klinisch nachweisbare »Schwächen« getestet wird? Offen gestanden: stigmatisierende klinische Bewertungen sind ein fragwürdiges Unternehmen. Versetzen wir uns in die Lage eines getesteten Kindes, dann können wir das Beschämende des Vorgangs nachfühlen. Wird als Testergebnis eine »Schwäche« oder gar »Krankheit« diagnostiziert, könnten sich beim »Patienten« aus scheinbarer Ausweglosigkeit heraus gerade erst jene Eigenschaften entfalten, die ursprünglich bekämpft werden sollten: Lernschwäche, Hilflosigkeit, Antriebsschwäche, Orientierungslosigkeit. Das Testergebnis raubt ihm unter Umständen den letzten Rest an Hoffnung, Mut und Energie.

Der Testunfug bringt den Kindern nichts
Positive Ergebnisse im Legasthenie-Tests wirken kränkend und lähmend. Wer dies erkannt hat, wird alles tun, was in seiner Macht steht, um Kinder vor entmutigender und würdeloser Testerei zu bewahren. (Anmerkung: Anders verhält es sich mit regulären Klassenarbeiten, bei denen der Schüler zeigen kann, wie gut er den im Unterricht gelernten, eindeutig definierten und begrenzten Lernstoff beherrscht. Diese Prüfungen sind wirksame und wichtige Instrumente des schulischen Unterrichts und dürfen nicht mit den Tests verwechselt werden, die zwecks Gesamtdisposition eines Schülers, oft genug vor politischem Hintergrund, in Abständen länderübergreifend durchgeführt werden.)

Der Testunfug an Schulen wird vermutlich in nächster Zukunft noch zunehmen. Unter tatkräftiger Mithilfe der Bildungspolitik hat sich ein lukrativer Markt entwickelt. Frühzeitig will man Bildungs- und Entwicklungsdefizite diagnostizieren, die daraufhin „gezielt bekämpft" werden sollen. Das Vokabular erinnert stark an den Rummel um die Krebsvorsorge. Auch das Vehikel ist dasselbe: Erzeugung von Angst. Wer sich nicht testen läßt, spielt mit seiner Zukunft, so wird gewarnt. Gelenkt und gestützt durch die mächtige Schulbürokratie bahnen sich höchst unpädagogische wirtschaftliche Interessen ungehindert ihren Weg. Da mit der Testerei nicht nur viel Geld verdient werden kann, sondern publizistische Aufmerksamkeit sicher ist, können sich persönliche Eitelkeit sowie das Streben nach gesellschaftlichem Einfluß und Ansehen besonders gut entfalten. Allein dem Schülerwohl dient dieses nicht.

Lehrer und Eltern können hilfreich wirken
Lehrkräfte und Eltern sind in der Lage, die Kinder vor den eventuellen Negativfolgen des Testens abzuschirmen. Im Elternhaus helfen Zuwendung, Verständnis, Humor und Gleichmut. Wichtig ist, daß das Kind seine täglichen Aufgaben gewissenhaft erledigt. Ist dies der Fall, dürfen Eltern darüberhinausgehende Aufgeregtheiten oder eventuelle Versagensängste in die hinterste Abstellkammer verbannen und diese gut abschließen. Traumatisierend in bezug auf das Lernen ist es, wenn die Eltern zu Hause in Panik verfallen, weil angeblich »mit dem Kind etwas nicht stimmt«. Hier noch einmal der Rat: Lassen Sie sich nicht verunsichern von willkürlich gesetzten Normen. Jeder Mensch ist anders, lernt anders, kann etwas anderes. Eines aber eint uns alle: jeder, gleich welcher Begabung, welchen Alters und welcher Interessen, kann sich Mühe geben und das Bestmögliche aus seinen Anlagen herausholen! Darauf nun kommt alles an! Normen werden von Menschen gesetzt, sie sind daher stets willkürlich. Wenn Schule heute den Eindruck erweckt, ein jedes Kind müsse einer gewissen Norm genügen, so ist dieses Ansinnen gewiß völlig verfehlt. Eltern, die solchen Aussagen ein gesundes Mißtrauen entgegenbringen, haben die Chance, viel familiären Kummer von sich und den eigenen Kindern fernzuhalten.

Geduld und regelmäßiges, freundliches Üben — zum Beispiel des Lesens und Schreibens — im häuslichen Rahmen bewirken auf Dauer Wunder. Der Glaube kann Berge versetzen, deshalb: liebe Eltern, liebe Lehrer, glaubt an die Fähigkeiten der Kinder! Fördert ihren Willen, sich anzustrengen statt sie ständig zu testen und zu bewerten! Kinder lernen für die, die sie lieben. Alle anderen Ziele sind zu abstrakt und ihnen deshalb unbegreiflich.

Kulturgut weitergeben, Techniken einüben lassen
Das ist ja nun gerade das spezifisch Menschliche, daß wir, anders als das Tier, unseren Nachkommen die Kultur weiterreichen können, auf daß der Mensch nicht immer wieder von vorn beginnen muß. Schrift und Mathematik sind die Fundamente unserer Kultur. Lesen, Schreiben und Rechnen sind die Fertigkeiten, die dem Menschen nicht angeboren sind: jede Generation muß sie neu erlernen. Dies geschieht durch jahrelanges, geduldiges und fleißiges Üben. Über viele Generationen ist dieser Weg erfolgreich gewesen — sollte er in unserem Jahrhundert nicht mehr zum Ziele führen? Halten wir uns also an die alten pädagogischen Weisungen. Legasthenietests und ähnliche Leistungs-, Persönlichkeits- oder Begabungsevaluationen sind demgegenüber bedenkliche Mittel einer erziehungswissenschaftlichen Vanitas, die sich eitel um sich selbst dreht. Die schmerzhaften Instrumente der Verunsicherung, Stigmatisierung und Entmutigung von Kindern durch Tests werden als unrühmliche Methoden in die Geschichte der pädagogischen Irrtümer eingehen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Kinde viel Kraft und alle Geduld der Welt, es wird dann alles gut.

Karin Pfeiffer

 
 

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