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Archiv: Oktober 2006

 
27. Oktober 2006
Nimm dir Zeit ...
Kategorie: Besinnliches

 

Beeile dich nicht zu sehr,
führe lieber alles zu Ende,
selbst wenn es länger dauert.

Fjodor M. Dostojewski

 

 
26. Oktober 2006
Disziplin
Kategorie: Erziehung

Basel, WorldDidac 2006. Rund ums Messegelände fallen Plakate zum Thema Erziehung ins Auge, zum Beispiel dieses mit der Aufschrift: „Erziehung macht stark“. Auf einem anderen ist ein stilisiertes Kind abgebildet, das sich in einem Wutausbruch ergeht. Text: „Grenzen setzen“. Diese Botschaften drücken aus, worunter unsere Gesellschaft zunehmend leidet: die Verwahrlosung unserer Kinder und Jugendlichen, und der Terror, den unerzogene Kinder auf die Gemeinschaft ausüben können.

Zu lange ist das Thema Erziehung tabuisiert worden, Kinder würden von selbst sozial eingestellte, starke und leistungsfähige Mitglieder unserer Gesellschaft, wenn wir sie nur gewähren ließen. Obwohl wir inzwischen erkannt haben, daß das Gegenteil der Fall ist, sind die Begriffe „Disziplin“ und „Verzicht“ immer noch mit einem Tabu belegt – besonders im Umkreis der Schule. Vernünftige Eltern und Lehrer wissen längst, welche erzieherischen Voraussetzungen für den Schulerfolg nötig sind, doch die offiziellen Lehrpläne und Botschaften, welche von Schulaufsicht und sogenannten Experten erlassen werden, gehen immer noch vom utopischen Konstrukt der „Autonomie des Kindes“ aus. Das ist unverantwortlich, denn es verhindert einen energischen Richtungswechsel, der so dringend nötig wäre – nicht nur der Leistung, sondern auch des Wohlfühlens wegen. Unerzogene Kinder sind nämlich genauso unglücklich wie die Erwachsenen, die mit ihnen leben.

Was tun? Liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern: folgen Sie ihrem Gefühl, lassen Sie „ketzerische“ Gedanken zu, die sich unerbittlich ins Bewußtsein zwingen. Sie wünschen sich doch nichts sehnlicher, als daß Ihre Kinder später einmal selbstdiszipliniert ihr Leben in die eigene Hand nehmen können! Also erziehen Sie. Setzen Sie Grenzen. Sagen Sie, wo es lang geht. Die Kinder wünschen sich das, auch wenn sie protestieren. Das Protestieren gehört dazu, es ist ein Ritual, das man aushalten muß. Üben Sie natürliche Autorität aus!

Und wenn das manche noch immer nicht hören wollen: Der Weg zur Selbstdisziplin führt nun einmal über äußeren Zwang, denn „Selbstdisziplin ist nicht nur eine Frage der inneren Einstellung, sondern Folge von Einübung und Gewöhnung.“ (Bernhard Bueb) Den Rahmen dafür müssen wir, die Erwachsenen setzen. Wer sonst sollte dies tun?

Karin Pfeiffer

 
 
 
25. Oktober 2006
Helfen um jeden Preis?
Kategorie: Besinnliches

Man hilft den Menschen nicht,
indem man für sie tut,
was sie für sich selbst tun können.

Abraham Lincoln

 
21. Oktober 2006
Wie es wirklich war ...
Kategorie: Politik
Erinnerungen an historische Ereignisse in Buchform füllen Bibliotheken. In einem hochinteressanten und überdies spannend zu lesenden Buch zu Vorgeschichte und Ausbruch des Ersten Weltkrieges* las ich gestern folgenden, beeindruckend bildhaften Vergleich:

»Durch diesen Wald von Sonderplädoyers sucht sich der Historiker tastend seinen Weg, versucht die Wahrheit in vergangenen Ereignissen zu fassen und herauszufinden, »wie es wirklich war«. Er entdeckt, daß die Wahrheit subjektiv und kein Ganzes ist, daß sie sich aus kleinen Stücken zusammensetzt, die verschiedene Menschen gesehen, erlebt und berichtet haben. Sie ist wie ein Muster, das man durch ein Kaleidoskop sieht: sobald der Zylinder geschüttelt wird, bilden die zahllosen farbigen Teilchen ein neues Bild. Und doch sind es dieselben Teilchen, die eben noch einen ganz anderen Anblick boten. Hier liegt das Problem aller Aufzeichnungen von Menschen, die bei vergangenen Ereignissen mitagiert haben. Das berühmte Ziel, zu schildern, »wie es wirklich war«, bleibt uns für immer unerreichbar.«

*aus: Barbara Tuchman, August 1914, dtv Verlag, Seite 465

   
 
18. Oktober 2006
Ein guter Mensch werden
Kategorien: Humor | Erziehung
Ein Büchlein, gerade handtellergroß, entpuppte sich als wahrer Schatz. Es ist das

„Neueste ABC-Buchstabier- und Lesebuch für die
Gräflich-Erbach-Schönbergischen Landesschulen“,
Preis 5 ½  Kreuzer – gebunden 6 Kreuzer, erschienen im Verlag bei Ludwig Karl Wittich, Landgräflicher Hof- und Kanzleidrucker im Jahre 1805.

Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt, die Rechtschreibung entspricht der unseren bis auf das h nach t in "thun" oder dem y in "seyn". Nach dem Buchstabierkurs beginnen in der Mitte des Buches „Leseübungen mit Erweckungen zur Aufmerksamkeit und zum Nachdenken“. Und so lesen wir: 
»Ich bin ein Mensch, das ist: ein Wesen, das aus einem künstlich gebauten sterblichen Leibe und aus einer vernünftigen unsterblichen Seele besteht. Was das alles sagen will und welch’ ein großes Glück es ist, ein Mensch zu seyn, das werde ich immer mehr und mehr finden, fühlen und begreifen, so wie ich immer mehr aufmerke und nachdenke über alles, was ich sehe, höre, empfinde und lerne. Das will ich von nun an immer thun, damit ich einst ein recht vernünftiger, guter und glückseliger Mensch werde, wie ich’s werden kann und soll.«

 
17. Oktober 2006
Bildung für das Überleben
Kategorie: Politik
Bildung ist das einzig wirksame Mittel gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Gebildete Menschen fallen nicht so leicht auf die Lockungen des Bösen herein. Wer nach Bildung strebt, muß unermüdlich an seiner eigenen Persönlichkeit arbeiten, muß sich weiterbilden, sich täglich über alles kundig machen, was so um einen herum ist. Diesen Beitrag zu Ende lesen »
 
16. Oktober 2006
Toleranz auf beiden Seiten
Kategorie: Schriftkultur

Dringender Wunsch nach Normalisierung

Unzählige Menschen engagierten sich in den vergangenen Jahren aktiv für den Erhalt der klassischen Rechtschreibung. Man möge diese nicht als »falsch« diskriminieren und neben der neuen Rechtschreibung bestehen lassen. Es droht millionenfacher Verlust von Werken, wie sie in »alter« Rechtschreibung private und öffentliche Bibliotheken füllen. Kulturelle Schätze sind damit für die folgenden Generationen verloren, sofern die klassische Schreibweise in den Schulen auch künftig als »falsch« bezeichnet und als minderwertig ausgesondert wird. Wir schneiden das Band der Geschichte entzwei. Ein Kulturbruch mit unvorhersehbaren Folgen ... und Hort dieser Entwicklung ist ausgerechnet die Schulpädagogik! Ein Volk ohne Vergangenheit hat keine Zukunft. Vergangenheit erschließt sich nur durch Quellenstudium. Denn das Gedächtnis der Menschen ist kurz.

Deshalb hoffen wir auf eine Entspannung zwischen »alt« und »neu« — und das allmähliche Entstehen einer Gelassenheit, die beides nebeneinander tolerieren kann. Das Nebeneinander wird sich ohnehin auf lange Sicht nicht ausschalten lassen, wir haben sie de facto schon. Jedoch sollte die herkömmliche Rechtschreibung nicht als »falsch« gelten. Spricht man privat mit Eltern und Lehrern, so äußern sie ihre Unzufriedenheit mit dem jetzigen Zustand. Wir könnten ihn beenden.

Wir wollen ein Kulturgut, wie es das Buch ist, nicht nach seiner Rechtschreibung, sondern nach seinem Inhalt bewerten. Wer Bücher nur deshalb auf die Müllkippe bringt, weil darin das Bindewort »dass« mit Eszett geschrieben wird, handelt unrecht. Wer von uns allen, die sich der Schriftkultur besonders verbunden fühlen, aber im öffentlichen Schuldienst tätig sind, hat nicht im stillen darüber schon einmal nachgedacht? Alle Lehrerinnen und Lehrer seien ermutigt, sich solchen Gedankengängen aller Realität zum Trotz auch weiterhin zu stellen.

Karin Pfeiffer

 
Anmerkung des Verlegers:
Um etwaige Missverständnisse auszuräumen: Die Schüler-Arbeitsblätter der im Stolz Verlag erschienenen Lernhefte sind seit 1996 der jeweils aktuellen Reformschreibung angepasst. Ausgenommen sind Texte von Autoren, die eine Übertragung Ihrer Texte in die Reformschreibung ausdrücklich untersagt haben. 
 
 
14. Oktober 2006
Lehrer und Bürokratie
Kategorie: Schule

Passauer Neue Presse (PNP) 
vom 08.02.2006


Chaos an Grundschulen: Fehler im Programm für Zeugnisse  

Doch die Grundschullehrer haben nicht nur mit dem fehlerhaften Programm zu kämpfen. Am 17. Februar gibt es zum ersten Mal die so genannten Hybridzeugnisse für alle Grundschulklassen. Edith Holzner, Lehrerin an der Grundschule Simbach/Inn, erklärt: „Das Zeugnis hat jetzt zwei Seiten. Deutsch und Mathe werden noch untergliedert.“ So gibt es zum Beispiel extra Anmerkungen unter anderem zu Lesen, Rechtschreiben und Gesprächsführung.
Hinzu kommt die bei den Lehrern umstrittene Einteilung der Schüler in soziale Handelsklassen A bis D. „Dafür müssen wir über das ganze Jahr hinweg einen Beobachtungsbogen führen über soziale Verantwortung, Kooperation, Kommunikation und Konfliktverhalten“, zählt die 48-Jährige auf. Allein für die Ausformulierung der halbseitigen Beurteilung braucht Holzner pro Schüler eine halbe Stunde. Doppelter Zeitaufwand: Früher hatte die Lehrerin ein Zeugnis in einer Stunde fertig, jetzt in zwei, - macht 56 Stunden bei 28 Schülern. „Ich war 14 Tage lang jeden Tag stundenlang beschäftigt“, berichtet Ulrike Winterl aus Postau (Lkr. Landshut).
Die Volksschullehrerin ärgert sich: „Ein Aufwand, der nicht im Verhältnis zur Wirkung steht.“ Bei aller Erkenntnis der sozialen Defizite gebe es zu wenig Fördermöglichkeiten an den Schulen und kaum Einsicht bei den Eltern. „Das Kind kann ja in dem Alter nichts für sein soziales Verhalten, das ist ein Spiegel des Elternhauses.“ Mit der Ablehnung gegenüber der Kategorisierung steht Winterl nicht allein. „Das wurde früher in ein paar Sätzen genauso treffend formuliert“, findet Günther Wöhl. „Das sind Kinder, keine Erwachsenen“, kritisiert Werner Neudeck. Auch die Schulleiter haben mehr zu tun: „Durch die langen Kommentare dauert das Korrekturlesen doppelt so lange wie vorher“, sagt Wöhl.
 

Anmerkung der Tagebuchschreiberin:
Und wo bleibt die Pädagogik? Wo das Kind?

 
13. Oktober 2006
Irrtum und Wahrheit
Kategorie: Aphorismen

„Man muss das Wahre immer wiederholen,
weil auch der Irrtum um uns her
immer wieder gepredigt wird;
und zwar nicht nur von einzelnen,
sondern von der Masse.
In Zeitungen und Enzyklopädien,
auf Schulen und Universitäten –
überall ist der Irrtum obenauf!
Und es ist ihm wohl und behaglich –
Im Gefühl der Majorität,
die auf seiner Seite ist.“ 

J.W. v. Goethe

 
12. Oktober 2006
Die Blinden und der Elefant
Kategorie: Besinnliches

Es waren einmal fünf weise Gelehrte. Sie alle waren blind. Diese Gelehrten wurden von ihrem König auf eine Reise geschickt und sollten herausfinden, was ein Elefant ist. Und so machten sich die Blinden auf die Reise nach Indien. Dort wurden sie von Helfern zu einem Elefanten geführt. Die fünf Gelehrten standen nun um das Tier herum und versuchten, sich durch Ertasten ein Bild von dem Elefanten zu machen.

 

Als sie zurück zu ihrem König kamen, sollten sie ihm nun über den Elefanten berichten. Der erste Weise hatte am Kopf des Tieres gestanden und den Rüssel des Elefanten betastet. Er sprach: „Ein Elefant ist wie ein langer Arm.“
Der zweite Gelehrte hatte das Ohr des Elefanten ertastet und sprach: „Nein, ein Elefant ist vielmehr wie ein großer Fächer.“
Der dritte Gelehrte sprach: „Aber nein, ein Elefant ist wie eine dicke Säule.“ Er hatte ein Bein des Elefanten berührt.
Der vierte Weise sagte: „Also ich finde, ein Elefant ist wie eine kleine Strippe mit ein paar Haaren am Ende“, denn er hatte nur den Schwanz des Elefanten ertastet.
Und der fünfte Weise berichtete seinem König: „Also ich sage, ein Elefant ist wie ein riesige Masse, mit Rundungen und ein paar Borsten darauf.“ Dieser Gelehrte hatte den Rumpf des Tieres berührt.

Nach diesen widersprüchlichen Äußerungen fürchteten die Gelehrten den Zorn des Königs, konnten sie sich doch nicht darauf einigen, was ein Elefant wirklich ist. Doch der König lächelte weise: „Ich danke Euch, denn ich weiß nun, was ein Elefant ist: Ein Elefant ist ein Tier mit einem Rüssel, der wie ein langer Arm ist, mit Ohren, die wie Fächer sind, mit Beinen, die wie starke Säulen sind, mit einem Schwanz, der einer kleinen Strippe mit ein paar Haaren daran gleicht und mit einem Rumpf, der wie eine große Masse mit Rundungen und ein paar Borsten ist.“

Die Gelehrten senkten beschämt ihren Kopf, nachdem sie erkannten, dass jeder von ihnen nur einen Teil des Elefanten ertastet hatte und sie sich zu schnell damit zufriedengegeben hatten.

Verfasser unbekannt
 
10. Oktober 2006
Gut dressiert
Kategorie: Humor

 

Ein Verhaltensforscher stellt weißen Mäusen eine Aufgabe: Sie bekommen erst Futter, wenn sie auf einen kleinen Knopf drücken, der eine Klingel auslöst. Nach zwei Tagen klappt es. „Toll“, sagt eine Maus zur anderen, „hast du das gesehen? Der Mensch ist prima dressiert. Immer, wenn ich klingele, bringt er mir ein Stück Käse in den Käfig.“ 

 
09. Oktober 2006
Sprechen und Handeln in der Erziehung
Kategorie: Erziehung

Eine gute Erziehung baut auf Vertrauen. Und in wen setzen wir unser Vertrauen? In die, die uns verstehen oder versuchen zu verstehen. Und in die, die nicht das Vertrauen, das man ihnen entgegenbringt, ausnutzen.Wir alle wissen um die Bedeutung der Kommunikation: „Wir müssen miteinander reden können.“
Kinder müssen ihre sprachlichen Fähigkeiten erst erlernen. Man sollte mit ihnen reden, viel und korrekt, und man sollte sie dazu anregen, sich verbal weiterzuentwickeln.Was aber ist das Ziel von Sprache? Warum spricht der Mensch? Was ist Kommunikation? Was nutzt es mir, eine Million Wörter zu kennen oder gar dreizehn Sprachen zu sprechen, wenn ich mich nicht verstanden fühle?
Das Ziel der Sprache ist Verständnis. Zum Verständnis führen viele Sprachen. Nur eine davon ist die Sprache der Wörter. Andere Sprachen sind die de Körpers, des Blickes, der Mimik und der wortlosen Begegnungen. Die Sprache der Handlung ist vielleicht die deutlichste von allen. 

Für das Kind hat die Handlung eine größere Bedeutung als die Wörter. Stehen die Wörter und die Handlung im Gegensatz zueinander, wird das Kind auf die Handlung hören. 

aus: Anna Wahlgren, Das KinderBuch. Wie kleine Menschen groß werden.

 
08. Oktober 2006
Von der Eile
Kategorie: Besinnliches

 

Ich habe gewartet. Ich habe ganz still gewartet. Wissen Sie: wenn man wartet, kommt man sehr oft viel schneller vorwärts als die Drängler. Man muß nur die Geduld haben. Denn was fangen die Hastigen schließlich mit ihren erhetzten zehn Minuten an? Sie kommen die paar Pulsschläge früher zum Sekt, auf die Bahn, an den bierigen Stammtisch, ins Bett. „Da wird he nicht klüger von“, sagen die Plattdeutschen. 

Kurt Tucholsky

 

 
07. Oktober 2006
Der "heimliche Lehrplan"
Kategorien: Erziehung | Schule

Zur Zeit, als ich mein Lehramtsstudium absolvierte (70iger Jahre), war viel vom „heimlichen Lehrplan“ die Rede. Dieser erfüllte sich angeblich durch die pädagogische Forderung nach Gehorsam. Hiermit würden Jasager gezüchtet und der Faschismus begünstigt. Die Forderung, Ordnung zu halten, habe zu unterbleiben, denn bei der Ordnung handele sich um eine (unwichtige) Sekundärtugend, mit der man ein KZ führen könne. Wer Leistung erbringe oder fordere, handele unsozial und elitär – Leistung definiere sich hauptsächlich im Vergleich mit den Schwachen. Leistung zu fordern und zu bewerten sei unvereinbar mit dem Gedanken der Solidarität, ohne die unsere Gesellschaft kalt und unmenschlich werde. Wer selbst Leistung erbrachte, handelte somit zutiefst unanständig. So die Botschaft des „heimlichen Lehrplans“ an Schulen.

Heute sind diese Samen aufgegangen: Eltern und Lehrer wagen es nicht mehr, von Kindern Verzicht, Ordnung und Leistung zu fordern. Aber halt! Auch heute gibt es einen „heimlichen Lehrplan“: Neben Inhaltlichem lernen Schüler folgendes:

– guter Unterricht besitzt unverbindlichen Unterhaltungscharakter
– die meisten Lehrer lassen sich alles gefallen und sind nicht ernst zu nehmen
– Arbeitsmaterialien und Schuleinrichtung (weil nicht selbst bezahlt) sind nur Dekoration; wert sind sie nichts, weshalb man sie weder pflegen noch beachten braucht
– Anstrengung ist unnötig, es gibt keinen Zusammenhang zwischen Schulerfolg und Lernen
– im Ernstfall erstreiten sich die Eltern unabhängig von meiner Leistung Versetzung oder Wahl der weiterführenden Schule
– zwischen den Eltern, den Lehrern und den Politikern gibt es keine erzieherische Übereinstimmung, ich kann sie alle zu meinem Nutzen gegeneinander ausspielen
– Zensuren sind in jedem Fall ungerecht und beziehen sich niemals auf mein Können
–Schule ist eine fragliche Veranstaltung, ein Sinn ist dahinter nicht auszumachen; was man wissen muß, erfährt man aus anderen Quellen
– Ich brauche keine Verantwortung übernehmen, weder für mich selbst noch für andere
– Lehrer und Eltern haben die Pflicht, mich „durchzubringen“. Sie allein sind dafür verantwortlich, ob ich etwas lerne oder nicht. Anstrengen brauche ich mich dafür jedenfalls nicht.

Wem wider den Zeitgeist der Beliebigkeit eine gut lesbare und saubere Handschrift abverlangt wurde, wer dazu erzogen wurde, seine Schulsachen pfleglich zu behandeln, wer zum Auswendiglernen angehalten wurde, wer dem Unterricht schweigend und ohne ablenkende Spielereien folgen musste (Essen, Trinken, Handys usw.), lernte u.a. auch Selbstbeherrschung, Konzentration, Triebaufschub, Achtung vor den Mitmenschen, Zuhören ...

Es läuft heute wesentlich lockerer an unseren Schulen als zu früheren Zeiten. Die vermeintlichen Vorteile für die Schüler sind aber eher kurzfristiger und höchst zweifelhafter Natur. Die künftigen Generationen werden womöglich Nachteile hinnehmen müssen, weil sie nicht gelernt haben, sich zu konzentrieren, zielstrebig und mit Durchhaltevermögen zu arbeiten und sich Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, ohne die auch unsere moderne Welt nicht bestehen kann, Computer hin, Computer her. 

 
 
05. Oktober 2006
Kaputtmachen und Aufbauen
Kategorie: Aphorismen

Arthur Schopenhauer soll einmal folgendes gesagt haben:

„Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“

 

 
02. Oktober 2006
Gedanken zum Montag
Kategorie: Besinnliches

Das Bedürfnis der Jugend ist: sich selbst ernst nehmen zu können. Das Bedürfnis des Alters ist: sich selber opfern zu können, weil über ihm etwas steht, was es ernst nimmt. Ein geistiges Leben muß zwischen diesen beiden Polen ablaufen und spielen. Denn Aufgabe, Sehnsucht und Pflicht der Jugend ist das Werden, Aufgabe des reifen Menschen ist das Sichweggeben oder, wie die deutschen Mystiker es einst nannten, das „Entwerden“. Man muß erst ein voller Mensch, eine wirkliche Persönlichkeit geworden sein und die Leiden dieser Individuation erlitten haben, ehe man das Opfer dieser Persönlichkeit bringen kann.

Hermann Hesse

 

 
01. Oktober 2006
Von der Neugierde
Kategorie: Erziehung

Früher war es umgekehrt: die Schüler kamen zum Unterricht, um etwas Neues, Unerhörtes zu lernen, das sie aus der Enge ihrer privaten Welt hinausführte. Heute kommen die Kinder aus der Weite eines aufgeklärten und mit Lernreizen angefüllten Lebens herein in die Enge des Unterrichts. Wie im Schleppnetz gefangene Fischlein zappeln sie und wollen nichts wie rasch wieder hinaus in die bunte Welt des Überflusses.
Schule hat die Aufgabe, sie beispielhaft darin zu unterweisen, mit Fülle und Überfluß zu leben, damit er sie nicht eines Tages erdrückt. Wir brauchen eine Pädagogik der Einschränkung, der Bescheidenheit. ALLES kann man nicht machen. ETWAS muß getan werden. Doch was?

Einschränken, nicht vermehren
Und dies ist - neben der Auseinandersetzung mit mutlosen, aggressiven oder unwilligen Schülern - eine der schwierigsten Aufgaben des Lehrers: sich gegen die Flut von Informationen, Möglichkeiten, Produkten zu stemmen. Den Lernstoff exemplarisch aufzubereiten, ihm eine Richtung zu geben, an der dem Schüler Erinnern und Voranschreiten möglich wird.
Niemand kann alles auf einmal lernen. Wir müssen das fein auftrennen und nacheinander tun. Wenn wir schreiben lernen, dann nur das. Und alles der Reihe nach: Zuerst die Buchstaben, dann die Wörter, dann die Sätze und dann das Buch. Nicht umgekehrt. Wenn wir Klavierspielen lernen, dann eben nur das. Und alles der Reihe nach: Zuerst zwei Töne, dann drei, dann eine Etüde, dann die Tonleitern, dann die Sonatine, dann die Sonate. Nicht umgekehrt. Erst die habituelle und vollständige Beherrschung einer Teilhandlung erlaubt das Weiterschreiten.

Unten anfangen, nicht oben
Fangen wir also lieber nicht mit allem auf einmal an. Und vor allem: fangen wir nicht „am Ziel" an. Hüllen wir Zukünftiges ein. Verdecktes und vorläufig „Verbotenes" macht nämlich neugierig. So ist nun einmal die Natur des Menschen. Neugierige Menschen - besonders die kleinen - strengen sich an, um hinter ein Geheimnis zu kommen. Begriffe wie Geduld und Wartenkönnen kommen in den Sinn. Das verachtete Wort „Verzicht" blinzelt um die Ecke. Wir haben versucht, es zu vertreiben, aber es kehrt in allerlei anderen Gestalten zurück. Verzicht üben sollte man nicht nur beim Essen oder anderen leiblichen Genüssen. Verzichten wir auch darauf, Kinder immer früher mit einer Überfülle an allzu abstraktem Wissen zu konfrontieren, für dessen Sinn weder Fertigkeiten noch Verstand ausgebildet sind.

Die Leiter
Stellen wir uns eine Leiter vor, die an einer hohen Steinmauer lehnt. Was ist hinter dieser Mauer? Nur die Großen können hinaufklettern, denn die Sprossen sind in großem Abstand angebracht. Die Kleinen schauen sehnsüchtig nach oben, Neugier steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Gute Pädagogik nutzt das aus. Sie segelt mit dem Wind. Also fördern wir zuerst die Kletterfertigkeiten an geeigneten, kleineren Geräten. Viel Zeit verbringen wir mit dem Üben. Die Kinder werden mit Eifer dabeisein. Aber es kommen auch Krisen, denn oft geht es beim Üben schlecht voran. Hier heißt es hartnäckig bleiben und immer diese Leiter vor Augen haben, deren Bewältigung den unverstellten Blick über die Mauer erlaubt.
Sind die Glieder dann größer und stark genug, können die ersten sich an diese Leiter wagen. Sie klettern jetzt aus eigener Kraft, sind stolz und voller Tatendrang und wollen endlich ihre Neugier befriedigen. Was sie hinter der Mauer sehen, wird sie nämlich weiter vorantreiben und noch neugieriger machen.

Lernziel: Wartenkönnen
Bleiben wir noch einmal bei jenen, deren körperliche Voraussetzungen und Fähigkeiten noch nicht zum Klettern ausreichen. Nichts wäre ihrer Neugier und ihrem Wollen abträglicher, als wenn Erwachsene sie aus Mitleid gleich hochheben wollten oder ihnen allerlei Hilfsgerät hinstellten, damit sie gleich ohne natürliche Fertigkeiten in die Höhe der Mauer gelangen könnten, nur um hinüberschauen zu können. Widerstehen wir dieser Versuchung! Nicht nur die Kinder, auch deren Erzieher und Lehrer brauchen unendlich viel Geduld!
Übersättigung durch vorschnell und ungefragte Fütterung mit - meist abstrakten und daher unbekömmlichen - Informationen erzeugt Überdruß und geistige Trägheit. Um lernen zu können, bedarf es jedoch der Neugier. Neugier erwächst aus einem vielschichtigen Mangel. Erst der brennende Wunsch, diesen Mangel beheben zu wollen, um mitmachen und „dahinterschauen" zu können, treibt zu persönlichen Leistungen an, die nicht nur Erfolg bringen, sondern auch zufrieden machen.

Was wird hinter der Mauer sichtbar?
Haben Sie einen Blick darüber geworfen?

Karin Pfeiffer

 


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